"Das geht ja mal gar nicht!"

Kürzlich erreichte mich ein etwas ungewöhnlicher Anruf: Anstatt sich mit Namen und Anliegen zu melden, begann mein Gesprächspartner die Konversation mit der herausgepressten Frage "Warum crawlt ihr mich??". Seiner Stimme war Zorn anzumerken und dieses leicht zittrige Timbre, in dem sich nicht der Wunsch nach Aufklärung, sondern der nach Genugtuung ausdrückt. Hier war offensichtlich jemand der Meinung, sein gutes Recht sei verletzt worden.

Ich habe für solche Anrufe absolut Verständnis. Es kann erschreckend sein, wenn ein bis dato unbekannter Bot plötzlich in den Server-Logs auftaucht und für x-tausend Zugriffe sorgt.

Geduldig beginne ich zu erklären: "Wir crawlen das deutsche Web – so ähnlich wie Google – und bauen daraus einen bzw. mehrere Suchindexe, mit deren Hilfe unsere Kunden und deren Nutzer die Inhalte Ihrer Webseite finden können."

An dieser Stelle rechnete ich mit etwas Beruhigung und einsetzendem Verständnis, aber ich hatte mich getäuscht: "Ihr crawlt da einfach meine Daten, das geht ja mal gar nicht. Ich weiß genau, was ihr macht! Umsetzung - Big Data - das heißt, ihr verkauft die Adressen, die ihr von meiner Webseite holt!"

Ich brauchte ein paar Sekunden, um die Beziehung zwischen "Umsetzung - Big Data" und unserer Homepage http://www.searchgears.com (damals noch ideenpla.net) herzustellen, wo "Big Data" als eine unserer Kompetenzen aufgeführt ist. Anschließend versuchte ich noch ein paar Sekunden lang, einen logischen Bezug zwischen "Big Data" und Adresshandel herzustellen, aber es gelang mir nicht. Ein weiterer Beweis, dass zwar viele von "Big Data" reden, aber die wenigstens wissen, worum es dabei eigentlich geht.

Mein kurzes Schweigen wurde von meinem Gegenüber offensichtlich als Schuldeingeständnis gewertet, denn er legte nach: "Wenn ihr meine Daten wollt, dann ruft mich an und wir können uns irgendwie einigen, aber so geht das ja gar nicht!"

Ich versuchte verzweifelt, ihm klarzumachen, dass wir seine "Daten" weder kaufen noch verkaufen wollen. Ebensowenig stieß ich auf Verständnis dafür, dass wir bei ca. 2 Millionen gecrawlten Domänen wirklich nicht jeden Webmaster anrufen können, bevor seine Seite abgerufen wird.

Er drohte noch mit dem diffusen Kanon von Diffamierung ("Ich kenne Leute in München"), Bloßstellung ("Dann liefere ich eurem Crawler eben random snippets") und Abmahnung ("Wenn ich meine Daten im Netz finde, wird das teuer für euch"), dann legte er auf.

Sympathy for the crawler

Solche Rückfragen sind nicht ungewöhnlich. Allerdings glauben uns die Leute dann normalerweise, dass wir nicht vorhaben, ihre Daten zu verkaufen und dass eine Suchmaschine nun mal Webseiten crawlen muss.

Als Suchmaschine genießt man tatsächlich im deutschen Recht ein paar Privilegien (im Gegensatz zu Adressdatenhändlern – zu Recht, wie ich meine): So haften Suchmaschinen (eher) nicht für Urheberrechtsverstöße und z.B. Verunglimpfungen, die durch das Crawling in ihren Suchergebnissen landen.

Auf der anderen Seite hat das Leistungsschutzrecht gerade für kleinere Betreiber von Suchmaschinen einige Rechtsunsicherheiten geschaffen, die erst durch Präzendenzurteile wieder ausgeräumt werden müssen. Unser Leben ist also schwer genug, auch ohne dass uns jemand als Adresshändler beschimpft.

Die rechtlichen Voraussetzungen und die technischen Anforderungen für den Betrieb einer Suchmaschine machen diesen zu einem risikoreichen und teuren Unterfangen. Dennoch glauben wir, dass man Google und Co. (allerdings ist nicht mehr viel "Co." übrig) nicht das gesamte Thema "Recherche im Internet" überlassen sollte.

Von daher: Wenn wir euch crawlen, meinen wir es nicht böse, sondern wollen euch nur besser auffindbar machen und wenigstens in ein paar Nischen das Feld nicht alleine der einen allumfassenden Suchmaschine aus Mountain View überlassen.

Business decorum

Zu guter Letzt noch ein allgemeiner Appell: Im Umgang mit Beschwerden, aber auch im ganz alltäglichen Geschäftsverkehr fällt mir häufiger mal auf, dass manche "Geschäftsleute" ruppige Umgangsformen für ein Zeichen von Stärke und Selbstvertrauen halten. Meiner Meinung sind sie aber nur ein Zeichen von mangelhafter Kinderstube.

Manchen wünsche ich das Bewusstsein, dass es Gesprächspartner heißt und nicht Gesprächsgegner und deswegen auch bei Meinungsdifferenzen die grundlegenden Regeln der Höflichkeit gewahrt bleiben sollten. Dazu gehört als Mindestmaß, sich die Aussagen des anderen bis zu Ende anzuhören und eine abweichende Meinung zumindest kurz zu reflektieren, bevor man weitermotzt.

In diesem Sinne: Ruft mich ruhig an, aber bleibt bitte höflich – oder noch besser, schaut in die Crawling-FAQs.

Share: